Der Weg zum eigenen Stil – experimentieren Sie!

Niemand fängt einfach an zu fotografieren und – zack – schon ist der eigene Stil voll entwickelt. Es braucht viel Experimentierfreude und Erfahrung, bis man wirklich behaupten kann, einen Stil und eine fotografische Handschrift gefunden zu haben. Je offener Sie ans Fotografieren herangehen und je häufiger Sie neue Techniken und fotografische Möglichkeiten ausprobieren, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Bilder und die visuellen Geschichten entstehen, die sich für Sie richtig anfühlen.

Hier sind nun ein paar Tipps, die Ihnen beim Experimentieren, beim Lernen – sowohl in Bezug auf das Fotografieren als auch auf die anschließende Bildverarbeitung – und bei der Entwicklung eines eigenen Stils helfen.

Fotografieren „on location“

1. Versuchen Sie, die gleiche Szene aus verschiedenen Winkeln aufzunehmen

Kompositionsregeln sind nicht so in Stein gemeißelt, wie Sie vielleicht denken, und es kann durchaus vorkommen, dass das, was in Ihren Augen gut aussieht, gegen alle Regeln verstößt. Trotzdem ist es natürlich hilfreich, die Grundlagen der Komposition zu beherrschen. Es ist eine Fülle von Online-Ressourcen verfügbar, wenn Sie einen Crash-Kurs oder einfach nur eine Auffrischung benötigen. Erwähnt werden sollte übrigens auch, dass man sich von der Stelle bewegen muss, um eine geeignete Komposition zu erzielen. Das erscheint logisch, wird aber vor Ort beim Fotografieren oft vergessen. Es ist unwahrscheinlich, dass Sie die Möglichkeiten der Bildkomposition voll ausschöpfen werden, wenn Sie Ihr Stativ an nur einem Ort aufstellen. Bleiben Sie also aufgeschlossen und neugierig!

2. 2. Experimentieren Sie mit verschiedenen Techniken

Es gibt eine Reihe an Techniken, um eine bestimmte Bildwirkung zu erzielen. Eine lange Belichtung kann beispielsweise dazu genutzt werden, Bewegungen darzustellen, eine dunkle Szene aufzuhellen oder Ihren Bildaufbau zu vereinfachen. Vielleicht sagt Ihnen ja die minimalistische Fotografie zu – in diesem Fall wird Ihnen die Langzeitbelichtung eine große Hilfe sein. Ein weiteres Beispiel ist das Fokus-Stacking, das verwendet werden kann, um die Schärfentiefe zu erhöhen. Bilddetails können mit dieser Technik in den Fokus gesetzt und herausgearbeitet werden. Genau wie beim Thema Komposition ist das Internet auch bei der Suche nach neuen Fotografietechniken und Inspiration die beste Ressource.

3. Beziehen Sie Personen oder Gegenstände in Ihr Bild mit ein

Wenn Sie puristische Landschaftsaufnahmen anfertigen wollen, ist dies vielleicht nicht der richtige Stil für Sie. Personen oder Gegenstände miteinzubeziehen, kann jedoch dabei helfen, eine Geschichte zu erzählen oder, wie im Beispiel des Eisbergs, um Maßstäbe zu verdeutlichen. Diese Technik eignet sich hervorragend für Stadtlandschafts- und Architekturfotografie, da Menschen ein Gebäude oft weniger starr wirken lassen und einem Bild buchstäblich Leben einhauchen.

Nachbearbeitung

1. Mit Farben – oder der Abwesenheit von Farben – spielen

Wenn Sie im RAW-Format fotografieren, profitieren Sie von der größtmöglichen Flexibilität in Sachen Farbe. Diesen Umstand können Sie bei der Bearbeitung mit leistungsstarken Werkzeugen für sich nutzen und spielerisch mit den Farben experimentieren. Ganz gleich, ob Sie die Szene so originalgetreu wie möglich nachstellen möchten (Tipp: Machen Sie einige Schnappschüsse mit Ihrem Handy, damit Sie sich die Farben besser merken können) oder ob Sie mit dem Farbbalance-Werkzeug und erweiterten Bearbeitungsoptionen experimentieren möchten, es ist unerlässlich, hierfür auf eine RAW-Datei zurückzugreifen. Je mehr Sie mit den Farben herumspielen, desto wohler und sicherer werden Sie sich bei der Bildbearbeitung fühlen. Und denken Sie daran, dass auch monochrome Bilder sehr ausdrucksstark sein können. Sobald Sie anfangen, mit der Farbbearbeitung zu experimentieren, ist es hilfreich, einen ausführlichen User Guide zur Hand zu haben, um sich mit den Funktionen der verschiedenen Bearbeitungswerkzeuge vertraut zu machen.

2. Bilder optimal bearbeiten

Wir alle kennen die Basics der Nachbearbeitung und sorgen dafür, dass Belichtung, Weißabgleich, Kontrast usw. korrekt angepasst werden. Dennoch sollten Sie darauf achten, Ihr Wissen, über die Nachbearbeitung kontinuierlich zu erweitern und neue Dinge auszuprobieren. Alles, von der Entfernung lästiger Staubflecken bis hin zur komplexen Verrechnung mehrerer Aufnahmen zu einem Bild, kann mit ein wenig Bearbeitung erreicht werden. Sobald Sie mit Techniken wie Fokus-Stacking oder Panoramabildern experimentieren, müssen Sie diese fortgeschrittenen Bearbeitungstechniken beherrschen, um die Komposition zu erzielen, die Sie bei der Aufnahme im Sinn hatten. Vieles davon kann durch Online-Tutorials erlernt werden, aber einiges muss man einfach selber testen.

Und manchmal ist ein Fehler sogar genau das, was Ihre Fotografie braucht. Ihre fotografische Handschrift kann sich aus einem Bild entwickeln, das Sie anfangs für fehlerhaft hielten. Bei der Suche nach Ihrem Stil geht es immer darum, offen zu bleiben und sich nicht frustrieren zu lassen.

Wie ich meinen Stil entwickelt habe

Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn hatte ich Schwierigkeiten, meinen eigenen, einzigartigen Stil zu finden. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich in verschiedene Richtungen gezogen wurde. Ich sah wunderschöne Bilder von Landschaften und träumte davon, selbst dorthin zu reisen. Und als ich schließlich wirklich dort war, sahen meine Bilder den Aufnahmen, die ich zuvor gesehen hatte, einfach viel zu ähnlich. Das hat meine Fotografie nicht wirklich weitergebracht. Irgendwann folgte ich meiner eigenen Kreativität und fing an, Orte zu erkunden, an denen die meisten Menschen noch nie gewesen waren oder die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Mir fiel auf, dass Leute beim Betrachten meiner Bilder manchmal sagten: „Das sieht aus, als wäre es auf einem anderen Planeten aufgenommen worden!“ Da wurde mir klar, dass mein persönlicher Stil allmählich Gestalt annahm und dass meine fotografische Mission darin besteht, Bilder zu erschaffen, die aussehen, als wären sie nicht von dieser Welt, die die Menschen zum Nachdenken anregen, in Staunen versetzen und Emotionen hervorrufen. Ich kann Ihnen zwar kein Rezept geben, wie Sie Ihren eigenen Stil wirklich entwickeln können (schließlich gibt es keins!), aber ich halte es grundsätzlich für wichtig, einfach möglichst viel zu fotografieren. Das mag offensichtlich klingen, aber es gibt auf dem Weg zum eigenen Stil wirklich keine Abkürzung – man muss einfach unzählige Stunden hinter der Kamera verbringen und fotografieren. Stellen Sie eine Verbindung zu Ihrem Motiv her, lernen Sie es genau kennen und seien Sie offen für die Geschichte oder Idee, die das Motiv durch Ihre Bilder transportieren kann. Wenngleich eine fotografische Schwerpunktsetzung sinnvoll und wichtig ist, kommt auch der Vielfalt und Abwechslung keine unwesentliche Rolle zu. Eine Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten und den Stil weiterzuentwickeln, besteht für mich darin, viele verschiedene Dinge zu fotografieren. Von Landschaften über Wildtiere bis hin zum Profisport und zur Automobilfotografie habe ich auf jedem Gebiet wichtige Dinge dazugelernt. Die Wildtierfotografie lehrte mich, ruhiger zu werden und geduldig zu sein, während die Sportfotografie mich zwang, schneller zu reagieren. Die Techniken aus der Portraitfotografie helfen mir zudem bei meiner Landschaftsfotografie weiter. Manche finden das vielleicht seltsam, aber wenn ich einen Berg fotografiere, verarbeitet mein Verstand ihn als Portrait. Ich denke darüber nach, wie das Licht auf das „Gesicht“ des Berges trifft, über seine Haltung, die Schatten, den Winkel, aus dem er am besten aussieht, und über all die Linien und Texturen. Wenn Sie eine Vielzahl von unterschiedlichen Dingen fotografieren, besteht zwar das Risiko, sich zu wenig zu spezialisieren, doch auf der anderen Seite kann es Ihnen auch dabei helfen, viele verschiedene Fähigkeiten zu entwickeln und herauszufinden, was Sie am besten können. Noch wichtiger ist, dass Sie dadurch erkennen können, was Ihren Stil genreübergreifend ausmacht. Wenn Sie diesen gemeinsamen Nenner entdecken, wird es einfacher, Ihre fotografische Handschrift, Ihr Markenzeichen als Fotograf zu erkennen. Mit der Zeit werden Sie feststellen, dass Ihre künstlerische Handschrift das wichtigste Kapital ist, das Sie haben. Ihr Stil wird ein bestimmtes Publikum auf Sie aufmerksam machen, Ihnen möglicherweise zu Interviews und Kollaborationen mit Marken oder wichtigen Namen in der Branche verhelfen. Der eigene Stil wird Ihnen nach und nach den Weg aufzeigen, den Sie als Künstler zusammen mit Ihrer ureigenen Kreativität beschreiten werden.

Schlusswort